Wenn Hausärztinnen und Hausärzte trommeln – ein Drum Circle auf dem Familienmedizin-Kongress in Düsseldorf.
Manchmal entstehen auf medizinischen Kongressen Momente, die man so nicht erwartet.

Einer davon ereignete sich am 15. November 2025 beim Kongress „Familienmedizin in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft“ am Institut für Allgemeinmedizin der Uniklinik Düsseldorf. Zwischen Workshops, Fallbesprechungen und intensiven Diskussionen über die Zukunft der hausärztlichen Versorgung stand plötzlich etwas ganz anderes im Raum: Trommeln, Rhythmus und Freude.

Rund 45 Hausärztinnen und Hausärzte waren vor Ort und viele von ihnen fanden sich wenig später mit einer Trommel in der Hand wieder. Schon in der Vorbereitung war für mich spürbar, wie offen und professionell die Organisation des Kongresses war. Dr. Vera Kalitzkus und Dr. Stefan Wilm hatten alles wunderbar vorbereitet, sodass wir vor Ort tatsächlich einen großen Drum Circle aufbauen konnten: zwei konzentrische Kreise, viele Trommeln, Kleinperkussion-Instrumente, eine neugierige Gruppe Mediziner und Medizinerinnen, die sich auf ein ungewöhnliches Experiment einließ und natürlich: meine Schweine!
45 Minuten lang wurde getrommelt und ich konnte den Kongress-Teilnehmern ermöglichen, die verbindende und salutogene Wirkung des gemeinsamen Trommelns direkt und unmittelbar zu erfahren.

Was zunächst für einige vielleicht ungewohnt war, verwandelte sich schnell in einen gemeinsamen Groove. Die Trommeln antworteten einander, kleine Patterns entstanden, brachen wieder auf und fanden sich neu zusammen. Nach kurzer Zeit war deutlich spürbar: Hier ging es um Zuhören, Genießen, Lebensfreude, Miteinander und Verbundenheit.

Und genau darin liegt die Kraft eines Drum Circles.

Im Anschluss hatte ich die Gelegenheit, in einer kurzen Keynote über die Wirkung solcher Formate zu sprechen, insbesondere darüber, warum gemeinsames Trommeln gerade für Familien ein so kraftvolles Werkzeug sein kann. Seit 2010 organisiere ich in ganz Deutschland famillienfreundliche Drum Circles und da erlebe ich immer wieder, wie schnell Rhythmus Menschen aller Generationen miteinander verbindet. Ein Drum Circle schafft innerhalb weniger Minuten einen Raum, in dem Begegnung ganz selbstverständlich wird. Wer Zeit und Lust hat, kann sich gerne das Abstract hier herunterladen:
Drum Circle: Verbindungen schaffen - innen wie außen

Gerade für Familien kann das eine große Ressource sein. Gemeinsames Trommeln fördert Verbundenheit, stärkt Achtsamkeit und schafft echte Glücksmomente. Viele erleben dabei, wie Stress spürbar abnimmt, Entspannung entsteht und positive Emotionen leichter zugänglich werden. Gleichzeitig stärkt gemeinsames rhythmisches Erleben Resilienz und Wohlbefinden. Effekte, die auch wissenschaftlich zunehmend untersucht werden.

Besonders berührend sind für mich die Erfahrungen mit Familien, in denen Kinder mit besonderen Bedürfnissen leben, zum Beispiel im Autismus-Spektrum. Rhythmus kann hier eine Form der Kommunikation sein, die ohne viele Worte auskommt. Alle können teilnehmen, jede Person auf ihre Weise und plötzlich entsteht ein gemeinsamer Flow.

Ein weiterer Aspekt, den ich beim Kongress vorgestellt habe, war die wachsende Drum-Circle-Community in Deutschland. Auf einer Deutschlandkarte konnten die Kongress-Teilnehmenden sehen, an wie vielen Orten bereits regelmäßig Drum Circles stattfinden. Diese werden oft geleitet von Kolleginnen und Kollegen aus unserem Netzwerk. Das Interesse war groß, und einige Ärztinnen und Ärzte nahmen zusätzliche Informationen aus der Kongressmappe mit, um sich später noch einmal vertiefend damit zu beschäftigen.

Für mich persönlich war dieser Tag in Düsseldorf ein besonderes Erlebnis. Zu sehen, wie sich Hausärztinnen und Hausärzte, Menschen, die täglich hochkomplexe medizinische Entscheidungen treffen, für einen Moment ganz auf Rhythmus, Begegnung und gemeinsames Erleben einlassen, war beeindruckend.

Der Kongress hat getrommelt.

Und genau darin lag etwas sehr Passendes: Familienmedizin lebt von Beziehung, vom Zuhören und vom Zusammenspiel vieler Perspektiven. Ein Drum Circle macht genau das hör- und spürbar.

Manchmal reicht ein gemeinsamer Rhythmus, um zu zeigen, wie Verbundenheit entsteht.

Ricarda Raabe, im März 2026